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„Was will euer Schwatter eigentlich …?“
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„Was will euer Schwatter eigentlich …?“

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#siegburg

 Erleuchtet war das Stadtmuseum am Sonntagabend. Die Stadt beteiligte sich an der Aktion „Pink gegen Rassismus“ des Landessportbunds. Über Rassismus im Amateurfußball haben wir am Telefon mit Bünyamin Kilic gesprochen, Trainer des Mittelrheinligisten Siegburger SV 04. Die Frage an sich ist nicht unproblematisch, aber wenn man von ihm wissen will, wo er herkommt, sagt der 34-Jährige schlicht: Duisburg. Lachend schiebt er hinterher: „Also, wenn Sie es genau haben wollen – Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund.“ Beim MSV seiner Heimatstadt hat er gekickt, beim SC Paderborn und beim Bonner SC. Letzte Station vor Siegburg war der FC Hennef. Im Hauptberuf ist er bei der Telekom in Bonn angestellt.

Kilic trainiert junge Männer, deren Familien Wurzeln auf drei Kontinenten haben. Japan und Südkorea in Asien. Deutschland in Europa, die Türkei in beiden Erdteilen. Mali für Afrika. Wobei schon das Afrika-Exempel hinkt. Sein Abwehrcrack Massaman Keita wird auf www.transfermarkt.de mit der Nationalität „Mali“ geführt. Kilic sagt: „Der Junge ist Kölner wie ich Duisburger bin. Als solcher würde er sich zumindest bezeichnen.“

Keita ist derzeit eine Woche zum Probetraining in Brandenburg. Regionalligist Energie Cottbus hat Interesse, will ihn eventuell verpflichten. Kilic: „Da denkt man zuerst: Sollte er sich das mit seinen erst 22 Jahren antun? Dann denkt man aber weiter: Dass er dort möglicherweise rassistischen Vorurteilen ausgesetzt ist, ist ja auch ein Vorurteil. Ich war noch nie in Cottbus, kenne die Stadt nicht.“

Kilic liest in den Sozialen Netzwerken und in Internetforen, bekommt mit, wenn irgendwo im emotionalen Schnellkochtopf Fußballstadion ein Tabu gebrochen und öffentlich gemacht: „Man darf das nicht kleinreden. Rassismus auf dem Fußballplatz gibt es nach wie vor.“ Erst vor kurzem sorgte ein Fall aus der Oberliga Niederrhein für Aufsehen. Ein Linienrichter (!) beleidigte Kosi Saka, einen dunkelhäutigen Spieler der Sportfreunde Baumberg. „Euer Schwatter da!“ – diese Worte sollen gefallen sein. Kilic hat es mitbekommen und macht den generellen Mangel an Respekt verantwortlich für die Verbalentgleisungen. „Wir meckern ja nicht nur über Menschen, die anders aussehen. Auch über diejenigen, die andere Ansichten haben, erheben wir uns.“

Menschen nehmen, wie sie sind, sich ihre Argumente vorurteilsfrei anhören – damit hat manch ein Mitglied der sogenannten Mehrheitsgesellschaft so seine Schwierigkeiten. „Wenn ich mitrede in gesellschaftlichen Fragen, mich in Diskussionen selbstbewusst gebe, ernte ich manchmal Erstaunen, manchmal Abfälligkeit.“ Subtext: Kann der sich mit seinem Hintergrund überhaupt eine klare Meinung bilden? Rassismus hat viele Gesichter.

Er selbst ist als Kind angegangen worden. Besonders in Momenten, wenn er seine Gegenspieler schwindelig spielte, hieß es „Scheiß Türke!“ Später wurden Erfahrungen dieser Kategorie seltener. Jedenfalls auf dem Platz. „Ich merke die Vorbehalte, wenn ich von offiziellen Stellen, zum Beispiel von der Polizei, anders behandelt werde.“ 

Quelle: Siegburgaktuell