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Warum hatte Siegburg keine Fugger, Welser oder Buddenbrooks?
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Warum hatte Siegburg keine Fugger, Welser oder Buddenbrooks?

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Den Siegburger Töpfern von der Aulgasse gelingt um 1300 eine kleine technische Revolution, die sie an die Spitze ihrer Branche im Rheinland katapultiert.  Ihre Steinzeugkeramik setzt sich von der zuvor produzierten “Irdenware” insofern ab, als die Dichte der Neuheit Flüssigkeiten problemlos hält. Die Massenproduktion kommt in Gang. 60.000 bis 120.000 Stücke brennen die Handwerker vor den Toren der Stadt im Jahr. Warum entwickelt sich kein Personenkreis, der davon pekuniär profitiert? Warum fehlen die Fernhändler, obwohl  die Voraussetzungen exzellent sind: die tönernen Spitzenerzeugnisse einerseits, die Lage an der Köln-Frankfurter-Straße und die Anbindung über die Sieg an den Rhein andererseits. Das riecht doch förmlich nach einer Dynastie im Stile der Augsburger Fugger oder später, im 19. Jahrhundert, in der Art der von Thomas Mann beschriebenen Lübecker Buddenbrooks?

Wolfgang Herborn hat für seinen 1986 erschienenen Aufsatz in den Heimatblättern des Rhein-Sieg-Kreises über die wirtschaftliche und soziale Bedeutung und die politische Stellung der Siegburger Töpfer geforscht. Er wertete Kölner Quellen des 12. Jahrhunderts aus. Und siehe da: In den Gilde- und Bürgerlisten sowie in Schreinseintragungen der Mittelaltergroßstadt werden 21 Namen von Personen aufgeführt, bei denen der Beiname “Siegburg” auf eine Herkunft vom Michaelsberg verweist. Zwei der Genannten sind Mitglieder in der Kaufmannsgilde, ein weiterer erwarb für reichlich Geld einen Verkaufstisch. 19 dieser 21 Kölner mit Siegburger Migrationshintergrund leben in St. Martin, Reichenhotspot am Heumarkt, damals der Warenumschlagspunkt im Nordwesten des Reiches.

Heißt: Als sich die Töpfer mit dem Steinzeug ihren exzellent Ruf erarbeiten, sind die emporstrebenden Siegburger Händler längst in die nahe Metropole abgewandert. Folgerichtig sind es Kölner Unternehmer, die der Siegburger Qualitätsherstellung den Absatz sichern. Die Markenbezeichnung “keulse duppen”, Kölner Pötte, bürgert sich ein, obwohl es Siegburger Pötte sind.

Es ist nicht etwa so, dass die Siegburger Töpfer nicht handeln wollen. Sie können nicht. Im Zunftbrief von 1516, der wohl schon lange vorher geltende Regelungen schriftlich umfasst, ist niedergelegt, dass kein Siegburger Töpfer seine oder fremde Produkte zwischen Düsseldorf und Andernach zum Verkauf anbieten darf.

Auf die Stadtpolitik, so betont Autor Herborn, hat das Fehlen einer überregional agierenden Kaufmannschaft erhebliche Auswirkungen. Es bildet sich kein  Patrizierstand, der die eigenen politischen Ambitionen vehement gegenüber dem Landesherrn, in Siegburg bis 1676 der Abt, vertritt. Der Rat der Bürger, die vornehmlich Handwerker sind, ist lange dem adligen Schöffenkollegium unterlegen. 

Mit dem Töpferhandwerk allein ließen sich übrigens, so rechnete der 2015 verstorbene Wolfgang Herborn für seinen Aufsatz aus, keine Reichtümer anhäufen. Die Ton-Arbeiter hatten ihr Auskommen, mehr aber nicht: “Das Töpferhandwerk nahm hinsichtlich seiner Verdienstmöglichkeiten in Siegburg keine Sonderstellung ein.”

Quelle: siegburgaktuell