Home Siegburg Von NS-Regime verfolgt – Lehrer aus Siegburger Gymnasium überlebte in Kölner Pfarrhaus-Keller
Von NS-Regime verfolgt – Lehrer aus Siegburger Gymnasium überlebte in Kölner Pfarrhaus-Keller
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Von NS-Regime verfolgt – Lehrer aus Siegburger Gymnasium überlebte in Kölner Pfarrhaus-Keller

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iegburg. Winter 1944/45. Im Keller des Pfarrhauses von St. Alban neben dem Gürzenich sitzt Otto Unger. Die Kerze schafft es gerade, den einfachen Tisch zu erleuchten. Die Ecken des Souterrains bleiben finster. Otto Unger, der Philologe, Lehrer mit Leidenschaft, der keiner mehr sein darf, blättert in Büchern seines Lieblingsdichters Wolfram von Eschenbach. Über die Naturbetrachtungen des mittelalterlichen Lyrikers hat er einst seine Dissertation verfasst.

Unger ist ein Wesen der Dunkelheit. Tagsüber sitzt er im Keller. Nachts spaziert er im geschützten Kirchhof. Er muss sich verstecken. Obwohl er evangelisch getauft ist, verfolgen ihn die Nazis. Seine Eltern sind Juden aus dem Großbürgertum. Unger gilt ihnen als Jude.

Wir gehen 15 Jahre zurück. 1930 beginnt Unger seine Lehrertätigkeit am Staatlichen Gymnasium in Siegburg, das damals noch dort sitzt, wo sich heute das Stadtmuseum befindet. Unger ist ein beliebter Pädagoge, bezieht in der Uhlrather Straße 8 mit Frau Charlotte und Söhnchen Hartmut ein Haus, das immer offen ist für Gäste. Bilder zeigen fröhliche Runden auf der Terrasse, die Kollegen und ihre Gattinnen kommen gern. Die Ungers beschäftigen ein Hausmädchen, das angehalten ist, Hartmut den rheinischen Zungenschlag beizubringen. Unger, ursprünglich aus Berlin-Schöneberg, fühlt sich emotional dem Rheinland zugehörig. Von hier will er nie wieder weg.

1933 ziehen dunkle Wolken auf. Der Hitlergruß wird obligatorisch, die Kollegen rücken von ihm ab. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das Juden aus dem Staatsdienst drängt, betrifft ihn als Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges nicht. Noch nicht. 1935 wird er 45-jährig in den Ruhestand versetzt, zunächst unter Fortzahlung der Bezüge, die nur wenige Jahre später deutlich gekürzt werden. In Köln-Brück haben die Ungers gebaut, ihren Umzug sehen sie als Neustart. Die Hoffnung trügt…

1944 müssen sie die Koffer packen, sich im Lager Müngersdorf einfinden. Im Inferno Holocaust ist das Camp im Kölner Westen die Vorhölle. Als die Deportation naht, flieht Otto Unger, versteckt sich mit Hartmut nächtelang in Bombentrichtern, schließlich allein in beschriebenem Pfarrhaus. Frau und Sohn überleben in Ostdeutschland.

Nach dem Krieg unterrichtet er am Humanistischen Gymnasium in Deutz Deutsch, Geschichte und Französisch, ist Vertrauenslehrer, baut die Schülermitbestimmung auf. Die ihm anvertraute Jugend soll von Anfang an Demokratie lernen! Zu seinen Schülern zählt der Schriftsteller Jürgen Becker: “Unger hatte eine intellektuelle Art, aber trumpfte nie gegenüber den Schülern damit auf. Er war anders als die übrigen Lehrer. Er kam woanders her. Er hatte etwas Authentisches.”

Der Kölner Historiker Dr. Fritz Bilz von der Geschichtswerkstatt Brück hat nicht nur erreicht, das in seinem Stadtteil eine Straße nach Otto Unger (1890-1984) benannt wurde. Er hat auch ein Buch geschrieben, das er in einem Siegburger Museumsgespräch am Donnerstagabend vorstellte. “Otto Unger. Von Nazis verfolgt. Im Versteck überlebt. Demokratie gelehrt”. Die lesenswerte Biografie kann im Buchhandel bestellt werden.

Quelle: Siegburgaktuell