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Vom Ausguck die Weltgeschichte im Blick
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Vom Ausguck die Weltgeschichte im Blick

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Josef Mahlberg über den Einmarsch der Amerikaner und eine finale Tragödie

 9. April 1945. Einmarsch der Amerikaner. Auf der Steinbahn spielt Josef Mahlberg, 12, mit zwei Nachbarsjungen, als es zu einer der letzten Tragödien des Kriegs kommt. Lesen Sie genau ein Dreivierteljahrhundert nach dem epochalen Ereignis den Bericht des Zeitzeugen der Stunde Null.

“Am 9. April 1945 spielte ich mit zwei jüngeren Kindern im Bereich der Steinbahn, zur Aulgasse hin. Ich schob die Jungen, sie hießen Peter und Willi und waren 5 und 6 Jahre alt, mit der Schubkarre. Ich bin dann nach Hause, um ein Spielzeug zu holen. Auf einmal gab es auf der Straße eine große Aufregung. Ich sah, wie die Mutter der Kleinen verzweifelt mit dem Kinderwagen Richtung Innenstadt rannte. Ich erfuhr, dass von den Amerikanern abgeschossene Granaten meine Freunde getroffen hatten, sie erlitten Treffer am Bauch. Die Amis waren gerade dabei, die Stadt einzunehmen, schossen sich ihren Vormarschweg frei. Ich war entsetzt. Weinen konnte ich nicht, ich weiß bis heute nicht, warum. [Anmerkung: Im Stadtarchiv findet sich die Notiz, dass Peter S. am 9. April 45 um 21.20 Uhr im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Sein Bruder Willi starb neun Stunden später, am 10. April, 6.15 Uhr]. 

Ich hatte vom Treppenflur des Hauses, in dem wir wohnten, Steinbahn 7, den Blick über die ganze Stadt. In der Nacht vom 9. auf den 10. April wurde Leuchtmunition verschossen, ich denke von deutschen Stellungen am Rasthof. Es sah aus wie ein Feuerwerk. Nach der Nacht im Keller bin ich wieder hinauf zu meinem Ausguck. Die Amerikaner kamen! Auf der Wiese zwischen Seehofstraße und Alter Poststraße lagen sie platt im Gras, rückten danach einige Meter vor, warfen sich wieder zu Boden. Was ich noch sah, waren Uniformjacken, die die Mitglieder des Volkssturms in aller Eile von sich geworfen hatten.  

Zu dritt, mit einem Mädchen und einem Jungen, die ebenfalls in der Nachbarschaft wohnten, sind wir auf die Panzer zugegangen, die über die Aulgasse kamen. Meine Mitstreiter waren ein paar Jahre älter als ich, konnten Englisch. Ein Offizier begrüßte uns, er war sehr höflich. Er fragte immer wieder, ob noch Soldaten in der Gegend seien. Wir verneinten. Er schickte uns nach Hause, in den Keller. 

Während mehr und mehr Fahrzeuge die Aulgasse entlangfuhren und sich der Haupttross nach Lohmar begab, fällten drei bis vier Soldaten an der Försterei einen Apfelbaum und schufen Platz für ein Biwak. 

Unsere Anlaufstelle in den nächsten Tagen war ein größeres Lager der Amerikaner an der Dohkaule, wo das Essen an die Soldaten verteilt wurde. Ich stand schüchtern abseits, als mich jemand von hinten antippte. Unversehens war ich der stolze Besitzer einer ganzen Hand voll Bonbons. 

Was sehr auffällig war: Die Amerikaner führten innerhalb der Truppe strikte Rassentrennung durch. An der Küche auf der Dohkaule verkehrten nur weiße Soldaten. Die Schwarzen wurden an der Alten Poststraße versorgt. Nicht nur das. Die weißen Offiziere verteilten Schläge mit dem Stock unter den farbigen Soldaten.”

Wer mehr über die bislang wenig beachtete “Apartheid in Uniform” erfahren möchte, klickt den “mehr”-Link. Er führt zu einem Artikel der Süddeutschen Zeitung.

Fotos (vl.): Der zwölfjährige Josef Mahlberg, er ist der Junge links. Rechts eine Kampfszene mit amerikanischen Soldaten am 9./10. April in Siegburg.

Quelle: Siegburgaktuell

https://www.sueddeutsche.de/politik/schwarze-us-soldaten-im-zweiten-weltkrieg-apartheid-in-uniform-1.2302949