Home Siegburg “Eltern nahmen Angebot zum Wegsehen an” – Götz Aly entlarvt schreckliche Mechanismen der Euthanasie
“Eltern nahmen Angebot zum Wegsehen an” – Götz Aly entlarvt schreckliche Mechanismen der Euthanasie Quelle : Siegburg Aktuell
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“Eltern nahmen Angebot zum Wegsehen an” – Götz Aly entlarvt schreckliche Mechanismen der Euthanasie Quelle : Siegburg Aktuell

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Stellen Sie sich vor, Sie werden Vater einer Tochter. Die Neugeborene hat eine Infektion, der Gesundheitszustand ist ernst. Der behandelnde Arzt nimmt Sie zur Seite: “Wir wissen nicht, ob wir Ihr Kind durch die nächste Nacht bekommen. Und wenn, wird es schwere Behinderungen davontragen.” Vor 40 Jahren verstand Götz Aly die Worte richtig. Es war eine codierte Frage, eigentlich wollte der Mediziner wissen: “Sollen wir Ihre Tochter am Leben lassen, wenn ihr Leben danach sehr, sehr schwierig wird?

Alys Tochter lebt. Es geht ihr gut in ihrer Wohngruppe. Aly selbst, den bekannten Journalisten und streitbaren Historiker, hat dieser Moment geprägt. Die Euthanasie, eine pechschwarze der ausschließlich dunklen Seiten im NS-Reich, sie wurde zu seinem Thema. Bis heute. 2013 hat er zu den Tötungen Behinderter in der Nazizeit das Buch “Die Belasteten” verfasst. Am Mittwochabend trug er in der vollen Aula des Siegburger Stadtmuseums daraus vor.

Etwa 200.000 Menschen waren es, die von den Nazis dem unwerten Leben zugerechnet wurden, die verschwanden in den Todeskammern. Die verschwanden aus den Gesprächen der Familie. Das große Schweigen, es dauert bis heute an. “Die Stadt München macht jetzt den Anfang. Sie veröffentlicht die Namen im Netz.” Der Rhein-Sieg-Kreis – deshalb war der Geschichtswissenschaftler in Siegburg – wird sich als erster Kreis überhaupt der Verantwortung stellen und lässt seine Euthanasie-Akten aufarbeiten. “Um den Opfern die Würde zurückzugeben”, wie es Vizelandrätin Notburga Kunert formuliert.

Alys Ausführungen waren überdeutlich, fast schmerzhaft. 1923 wurde in einer sächsischen Behindertenanstalt unter den Angehörigen der dort Untergebrachten ein Fragebogen verteilt, der Folgendes zutage brachte: Wenn die Eltern nicht genau wüssten, wie es geschieht, was also die Todesursache ist, würden sie der Tötung des Kindes unter Umständen zustimmen, die Einladung zum Wegsehen annehmen.

Hitler las diese Studie 1939. Mit furchtbaren Konsequenzen. Aly: “Gemacht wurde das, was möglich war.” Eine große Mitschuld sieht er insbesondere bei den offiziellen Stellen. “Diese Menschen standen unter Vormundschaft, den Vormundschaftsrichtern flatterten manchmal sechs Todesmeldungen gleichzeitig auf den Schreibtisch. Von 1.200 hat nur ein einziger protestiert.”
Alys These: Vor allem bei schweren Behinderungen sind bisweilen auftretende Tötungswünsche der überforderten Eltern ganz normal. Es kommt darauf an, wie der Staat die Familien mit behinderten Kindern behandelt. Heute gibt es vielerlei Hilfen. Im Dritten Reich wurde das Kindergeld für die Geschwister gestrichen. Die Eltern eines behinderten Kindes, die im Staatsdienst arbeiteten, bekamen berufliche Probleme.

Wie funktionierten die Ermordungen? Häufig wurden Einrichtungen dann aufgelöst, wenn sie nach Bombenangriffen auf die großen Städte als Reservekrankenhäuser gebraucht wurden. Dem Tode geweiht waren in der Regel die, von denen man annahm, dass niemand ernsthaft nach ihnen fragt. Also die, die ohnehin nur noch selten oder gar keinen Besuch mehr von der Familie empfingen. Die Deportation in entlegene Gegenden, fern der Heimat, verstärkte diesen Bruch.

Als später dann die Stationen psychiatrischer Kliniken aufgefordert wurden, Listen für die Fahrten in die Vernichtung aufzustellen, da wählten die Verantwortlichen die “Problemfälle” aus, die Schreier, die Schimpfer, die Aggressiven und Nachtaktiven. Den Angehörigen schrieb man “Tod durch Herzversagen”. Die Urne möge am Sterbeort abgeholt werden.
Erstaunlich indes: Wenn Mütter nachforschten, warum die Tochter oder der Sohn urplötzlich auf Bronchialkur ins Allgäu geschickt wurde, obwohl die Lungen einwandfrei funktionierten, dann konnten sie das Kind retten. Es kehrt auf fast schon wundersame Weise zurück. Postwendend, mit dem Taxi. Das Regime knickte ein. Von mehreren dieser Fälle wusste der Professor zu berichten.

Zu großer Bekanntheit, ja Berühmtheit gelangte der Bischof von Galen. Seine drei Predigten gegen den Abtransport Behinderter aus Münster stoppten die Mordmaschine. Aly: “Von Galen richteten seine Worte aber nicht gegen Hitler, sondern gegen seine Münsteraner Gläubigen, die das zuließen. Ein Bombenangriff auf die Stadt kam ihm zu Hilfe: Er bezeichnete die Verluste in der Bevölkerung als Strafe Gottes für das unchristliche Verhalten.”
Am 5. September, 19.30 Uhr, spricht Dr. Ralf Forsbach, Siegburg, zu “NS-Medizinverbrechen im Westen”. Wieder im Stadtmuseum am Markt. Weitere Vorträge zum Thema sind vorgesehen. Wir melden uns mit den Ankündigungen.