"Will weiter Stachel sein"
Literaturwochen I: Grosser-Abend in der Stadtbibliothek
Alfred Grosser, Grandseigneur der europäischen Geisteswissenschaft und weltweit gelesener Autor, zu Gast in der Stadtbibliothek. Eine Stunde sprach er frei, trug die Essenz aus seinem Buch die "Freude und der Tod" vor.
Wenn dem deutschen Professor nachgesagt wird, er gebe das an ihn erteilte Wort so schnell nicht wieder ab, dann trifft das auf den französischen Gelehrten erst recht zu. "Kaufen sie einen Franzosen zum üblichen Marktwert, aber verkaufen sie ihn nach seinem Dünkel!", so Grosser humorvoll-selbstkritisch. Das Publikum schmunzelte. Damit war klar, dass diesem Weltstar nicht nur die Informationsvermittlung, sondern auch die Unterhaltung auf höchstem Niveau spielend gelingt und es sich um eine Art Vortrag handelt, bei dem das Amüsante und das Tiefgründige in einer Pille verabreicht wird. Mit oft schelmischem Augenzwinkern erklärte er fundiert die wichtigsten Ereignisse, Errungenschaften und Misserfolge Europas im 20. und 21. Jahrhunderts. Wer sich ein Leben lang mit Diktatoren, Unterdrückern und Kriegsmaschinerien beschäftigt, ja diese selbst erlebt hat (der junge Grosser floh vor den Nazis aus Frankfurt nach Frankreich), dem steht nicht der Sinn nach einer hellen Sicht auf die Welt. Möchte man meinen. Grosser überrascht. Nie verliere er die Heiterkeit, sie sei ihm wichtig, so der Publizist. Heiterkeit sei auf Deutsch ein so wunderbar doppeldeutiges Wort. Es lässt einerseits an Lachen denken und andererseits an die Ungetrübtheit des Himmels oder des Geistes. Viele Freuden bringe ihm auch die Musik, wobei er Mozart, Haydn und Brahms besonders zugetan sei. Auf die Frage, ob für ihn als Atheisten im Gegensatz zur Einstellung seiner christlichen Ehefrau nach dem Tode alles zu Ende sei, antwortete er salomonisch mit einem Zitat aus dem 1. Korinther Brief: Denn der ungläubige Mann ist durch die gläubige Frau geheiligt. Sein Wunsch für den Lebensabend: "Solange ich geistig und körperlich dazu imstande ist, will ich weiterhin ein Stachel der Gesellschaft sein - trotz meiner 86 Jahre."
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