Gesucht: Otto Hellmann
Amtshilfe für New Yorker Polizei
Freitag, 9. September 2011, 17.49 Uhr, Ostküstenzeit: Werner Hellmann, New Yorker Polizist, setzt sich an seinen Schreibtisch, fährt den Rechner hoch.
Das Jagdfieber hat ihn gepackt. Lange hat er gefahndet, heute soll ihm der dicke Fisch ins Netz gehen. Er beginnt zu tippen. "Mein Name ist Werner Hellmann. Mein Vater ist aus Siegburg. Es könnte eine große Geschichte für Sie werden. Ich bin Captain der New Yorker Polizei." Ein Mausklick, zwei Sekunden Pause, dann landete die E-Mail bei der Siegburger Stadtverwaltung.
Werner Hellmann, 46, sucht nach den Wurzeln. Er wurde im Februar 1965 im New Yorker Stadtteil Queens geboren. Sein Vater war Kfz-Mechaniker. Otto Hellmann, gebürtiger Siegburger, wanderte in den späten 1950ern aus. Noch weiß der Sohn nicht viel über die ersten 20 Lebensjahre seines Vaters. Das soll sich ändern...
Fieberhaft werden in den nächsten zwei Monaten elektronische Nachrichten über den Atlantik geschickt. Als Otto Hellmanns Geburtsdatum eintrifft, machen wir uns an die Arbeit. Das Geburtenbuch von 1936 wird gewälzt, die handschriftlichen Einträge genau studiert. Kein Otto Hellmann. Also in Troisdorf nachgefragt, in Augustin, Bonn. Nichts. Aufgeben? Niemals. Wieder Post in die neue Welt. Und eine neue Angabe. Ottos Geburtsjahr ist 1938, nicht 1936! Ein Griff zum richtigen Band, Personenregister aufgeschlagen. Bingo! Otto Hellmann, geboren am 5. Dezember 1938 in Siegburg. Auch fünf ältere Geschwister finden wir, geboren zwischen 1927 und 1935. Nach und nach ergibt sich folgender Stammbaum: August Friedrich Wilhelm Hellmann (Geburtsort ist das thüringischen Brotterode) und Margareta List (gebürtig aus Nürnberg) heiraten im Jahr 1925 in Siegburg. Sie leben erst in der Augustastraße, später in der Blücherstraße 19 auf dem Brückberg. Schausteller sind sie, so Notiz in den vergilbten Blättern. Wirte sind ihre Trauzeugen. 1939 stirbt August Friedrich Wilhelm, etwa zehn Jahre nach dem Krieg wandert Otto aus, begleitet von mindestens einer Schwester. Ein genaues Auswanderungsdatum fehlt. Otto hatte sich nicht offiziell abgemeldet.
Motiviert von diesem Erfolg versuchen wir, Zeitzeugen vom Brückberg aufzutreiben. Zunächst scheint sich niemand an die Familie zu erinnern. Aber dann: Gertrud Spitz hat den ein Jahr jüngeren Otto noch vor Augen, in ständiger Begleitung von zwei älteren Schwestern. Josef Becker, Autor der Seniorenzeitschrift 65er Nachrichten, lebte lange über den Hellmanns im Haus in der Blücherstraße. Wenig habe er mit den Pänz aus dem Erdgeschoss gespielt, zu groß die Vorbehalte gegen das "Kirmesvolk", wie die Mutter sich ausdrückte. "In den 1950ern klopfte mir plötzlich Otto bei einem Tanzabend von hinten auf die Schulter. Er trug die Uniform der Amerikaner." Werner bestätigt in einer E-Mail wenig später: "Mein Vater war GI. Wahrscheinlich kehrte er in seiner Dienstzeit zeitweise nach Deutschland zurück." Seinen leitenden Siegburger Ermittler lobt der Captain überschwänglich: "Du könntest NYPD-Detective sein." T-Shirts und Kappen der bekanntesten Polizei der Welt will er zum Dank schicken. Und vielleicht im nächsten Jahr den Londonbesuch bei seinem Bruder mit einem Abstecher an die Sieg verbinden.
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